Agile Softwareentwicklung lebt vom Dialog, von Iterationen, von Rückfragen. Im Umgang mit Coding-Agenten neigen wir aber zu One-Shot-Prompting und die Agenten führen unsere Anweisungen in blindem Gehorsam aus. Merken Sie den Widerspruch? Hier erfahren Sie, wie Sie ihn auflösen.
Das Kernproblem: Agenten gehorchen – statt mitzudenken
Im ersten Teil dieser Serie habe ich argumentiert, dass Agentic Coding ein Paradigmenwechsel ist – vergleichbar mit der Einführung der Compiler (Compiler sind Programme, die Programmierhochsprachen wie C++ in Maschinencode übersetzen). Doch wo genau klemmt es heute in der Praxis?
Die Antwort ist unbequem: bei uns.
Unsere Prompts an Coding-Agenten sind in vielen Fällen massiv unterbestimmte Problembeschreibungen. Wir skizzieren ein Ziel in zwei Sätzen und erwarten, dass der Agent unsere Gedanken liest. Und das Fatale: Er versucht es tatsächlich. Viele Coding-Agenten verhalten sich standardmäßig so, als sei jede Anweisung vollständig genug, um direkt umgesetzt zu werden. Sie können Rückfragen stellen — aber sie tun es oft nur dann zuverlässig, wenn wir dieses Verhalten explizit einfordern. Sie verhalten sich wie Arbeitspferde, nicht wie Sparringspartner. Sie liefern irgendetwas, das oberflächlich zu Ihrem Prompt passt.
Das Ergebnis: Code, der kompiliert, der irgendwie funktioniert – aber an Ihrer eigentlichen Intention vorbeigeht. Und Sie merken es oft erst, wenn es zu spät ist.
Überraschung: Sie sind jetzt Product Owner
Wenn Sie mit einem Coding-Agent arbeiten, passiert etwas Fundamentales mit Ihrer Rolle: Sie spezifizieren ein Problem in natürlicher Sprache und übergeben die Umsetzung an einen Entwickler – in diesem Fall einen digitalen. Sie sind eine Art Product Owner.
Das klingt trivial, hat aber weitreichende Konsequenzen. Denn die meisten von uns haben nie gelernt, diese Rolle gut auszufüllen. Wir sind es gewohnt, Probleme selbst zu lösen – nicht, sie so zu beschreiben, dass jemand anderes sie lösen kann. Und wir sind es auch nicht gewohnt, Verantwortung für Code zu übernehmen, den wir nicht selbst geschrieben haben. Denn Agentic Coding delegiert Implementierung, aber nicht Verantwortung.
Plötzlich gelten andere Fähigkeiten: Präzision in der Anforderungsformulierung. Priorisierung. Das Erkennen von Akzeptanzkriterien. Das gelingt am besten im Dialog.
Dialog statt Diktat: Was Agentic Coding von Scrum lernen muss
Agile Softwareentwicklung lebt vom Dialog. User Stories werden im Gespräch verfeinert. Unklarheiten werden in Sprint Plannings aufgelöst. Kein erfahrener Entwickler beginnt mit der Umsetzung, bevor die Anforderungen verstanden sind.
Coding-Agenten tun genau das. Sie beginnen sofort. Ohne Rückfrage, ohne Klärung, ohne Widerspruch.
Das müssen wir ändern. Nicht indem wir auf bessere Modelle warten, sondern indem wir den Dialog aktiv einfordern. Konkret heißt das: Geben Sie Ihrem Agenten die explizite Anweisung, bei Unklarheiten nachzufragen, statt zu raten. Fordern Sie ihn auf, Ihre Anforderungen zusammenzufassen und Annahmen offenzulegen, bevor er mit der Umsetzung beginnt. Behandeln Sie die Interaktion wie ein Sprint Planning – nicht wie einen Befehl an eine Maschine.
One-Shot ist kein Engineering – arbeiten Sie in Sprints
Die natürliche Versuchung im Agentic Coding: Ein großer Prompt, eine große Lösung, ein großer Wurf. Das funktioniert gut in kleinem Rahmen und für Prototypen. Bei größeren Projekten ist diese Herangehensweise aber schädlich.
One-Shot-Prompts führen zu Lösungen, die schwer zu verstehen, schwer zu testen und schwer zu korrigieren sind. Sie erzeugen dieselben Probleme, die wir in der Softwareentwicklung seit Jahrzehnten kennen – nur schneller.
Die Alternative: Arbeiten Sie iterativ. Definieren Sie das große Ziel und die Architektur vorab – aber formulieren Sie die konkreten Aufgaben schrittweise, Sprint für Sprint. Jede Iteration sollte ein überschaubares, testbares Ergebnis liefern. Die Richtung ist klar, aber die Umsetzung fährt auf Sicht.
Das mag langsamer wirken als der große One-Shot. In der Praxis ist es dramatisch schneller – weil Sie Missverständnisse früh erkennen, statt sie durch das gesamte Projekt zu schleifen.
Custom Agents: Erziehen Sie Ihren Agenten zum kritischen Denker
Sprachmodelle werden beim Training nicht ausreichend für kritisches Denken belohnt. Das ist ein bekanntes Problem, aber kein unlösbares, denn Sie können gegensteuern.
Die meisten modernen Coding-Werkzeuge erlauben es, System-Instruktionen, Fähigkeiten oder sogenannte Custom Agents zu definieren. Nutzen Sie diese Möglichkeit konsequent. Instruieren Sie Ihren Agenten:
- Bei Mehrdeutigkeiten gezielt Rückfragen zu stellen und versteckte Annahmen offenzulegen und zu hinterfragen.
- Wichtige Designentscheidungen mit Ihnen abzusprechen, zu begründen und Alternativen aufzuzeigen.
- Potenzielle Probleme und Risiken proaktiv zu benennen.
Sie formen damit keinen gehorsamen Assistenten, sondern einen kritischen Sparringspartner. Einen, der Sie besser macht – und den Sie besser machen. Das ist Agenten-Bändigung im besten Sinne.
Ein konkretes Beispiel für entsprechende Instruktionen finden Sie in den Leselinks. Diese Instruktionen basieren auf Erfahrungsberichten von Andrej Karpathy, einem der Vordenker im Bereich Agentic Coding.
Testbarkeit ist die neue Kernkompetenz
Wenn wir den Code nicht mehr selbst schreiben, gewinnt eine Disziplin massiv an Bedeutung: das Testen.
Wir als Entwicklerinnen und Entwickler sollten einen erheblichen Teil der durch Coding-Agenten freigewordenen Zeit für den Entwurf und die Durchführung von Tests verwenden. Jetzt ist die Zeit, Testen neu zu denken: Was war gestern noch zu aufwändig, ist heute aber mit Coding-Agenten möglich? Wir könnten beispielsweise individuelle Test-Suiten entwerfen, die perfekt auf unsere Software zugeschnitten sind.
Meine bewusst steile These: Streben Sie 10 % Produktionscode und 90 % Testcode an. Entscheidend ist am Ende nicht die Menge an Testcode, sondern die Aussagekraft der Tests: Decken sie die kritischen Anforderungen, Randfälle und Fehlerszenarien wirklich ab? Auch bei Tests können uns Agenten unterstützen, stoßen dabei aber auf Barrieren. Sobald es ins Visuelle und Unstrukturierte geht, kommen Coding-Agenten ins Schwanken. Sie wollen mit gut strukturiertem Text arbeiten. Es ist unsere Aufgabe, diese Barrieren zu identifizieren und zu reduzieren. Wenn wir hier gute Methoden entwickeln, können wir die KI-Welle aktiv mitgestalten, statt nur auf sie zu reagieren.
Die goldene Faustregel: Ein Gespräch, ein Anliegen, ein Ergebnis
Zum Abschluss eine einfache Faustregel, die erstaunlich viele Probleme vermeidet:
Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit einem menschlichen Kollegen. Erklären Sie Ihr Anliegen so, dass auch ein Mensch gute Chancen hätte, es zu verstehen – mit Kontext, mit Ziel, mit Akzeptanzkriterien. Nicht mehr, nicht weniger.
Beachten Sie dabei das begrenzte Kontextfenster Ihres Agenten. Eine konkrete Programmieraufgabe pro Session sollte das Ziel sein – klar abgegrenzt, klar überprüfbar. Danach geht der Agent in den wohlverdienten Feierabend, und der nächste übernimmt mit frischem Kontext.
Das mag sich künstlich anfühlen, aber es erzwingt genau die Disziplin, die gutes Software Engineering ausmacht: klare Modularisierung, klare Schnittstellen, klare Verantwortlichkeiten. Nicht trotz der Agenten, sondern durch sie.
Die Technologie steckt in den Kinderschuhen. Unser Umgang mit ihr auch.
Im ersten Teil ging es um die Frage, warum Agentic Coding mehr ist als ein kurzfristiger Hype. In diesem zweiten Teil ging es um das Wie: um Dialog, Iteration, Tests und die neue Rolle von Entwicklerinnen und Entwicklern. Genau diese Fragen wollen wir am Fraunhofer IAO vertiefen — praxisnah, kritisch und mit Blick auf Forschung und Entwicklung.
Sie wollen tiefer einsteigen? Am Fraunhofer IAO bieten wir eine Veranstaltung an, in der wir gemeinsam erkunden, welche Möglichkeiten Coding-Agenten für Forschung und Entwicklung eröffnen: »KI-Impact: Mit Coding-Agenten zu neuen Möglichkeiten in FuE« am 8. Juli 2026.
Ich freue mich, Sie dort zu sehen.
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