Es ist kurz vor neun Uhr. Mein Kalender zeigt drei parallele Termine, im Postfach warten 47 ungelesene E-Mails. Während ich versuche, den Überblick zu behalten, schleicht sich ein Gedanke ein, den vermutlich viele kennen: Wie praktisch wäre es, wenn es eine zweite Version von mir gäbe? Eine, die im zweiten Meeting sitzt, während ich im ersten noch diskutiere. Eine, die Routine-Mails beantwortet – in meinem Ton, mit meinem Wissen und meiner Art zu formulieren. Das wirft schnell größere Fragen auf: Wo könnten solche KI-Zwillinge auch für Unternehmen einen echten Unterschied machen – und wo sind ihre Grenzen?
1. KI-Zwillinge von Menschen: Zwischen Faszination und Skepsis
Der Gedanke klingt verlockend, löst aber bei vielen Menschen zugleich ein ungutes Gefühl aus. Dieses Spannungsfeld begegnet mir immer wieder, wenn ich in Unternehmen das Konzept der »Mindset Twins« vorstelle, also von KI-basierten digitalen Abbildern realer Personen. Zwischen »Endlich könnte ich an zwei Orten gleichzeitig sein!« und »Aber möchte ich wirklich, dass eine KI für mich spricht?« liegt ein schmaler Grat. Ob KI-Zwillinge künftig Teil unseres Arbeitsalltags werden, entscheidet sich daran, ob wir dieses Spannungsfeld lösen können.
Als Wissenschaftskommunikatorin interessiert mich dabei weniger die technische Machbarkeit als die Frage, ob wir das wollen – und wo die Grenze liegt. Um das besser zu verstehen, haben wir in einer Online-Studie 112 Menschen befragt.
2. Was ist eigentlich ein Mindset Twin?
Wenn von Digitalen Zwillingen des Menschen die Rede ist, entstehen schnell Bilder aus Science-Fiction-Filmen: vom Hologramm in Star Wars bis zu den Replikanten in Blade Runner 2049. Diese Geschichten prägen unsere Vorstellung davon, was ein KI-Zwilling sein könnte: Kann eine solche Technologie einen Menschen irgendwann ersetzen? Wird sie selbstständig Entscheidungen treffen? Die Realität ist deutlich weniger futuristisch, aber viel konkreter als viele vermuten:
Ein »Mindset Twin« ist ein KI-basiertes digitales Abbild einer realen Person (Originärperson). Anders als ein klassischer Chatbot greift er nicht nur auf allgemeines Wissen zurück, sondern orientiert sich an den Erfahrungen, Meinungen, Werten und typischen Denkweisen einer konkreten Person. Dadurch kann er Fragen aus deren Perspektive beantworten, Entscheidungen simulieren oder als Gesprächspartner auftreten – möglichst nah an der Art und Weise, wie diese Person selbst denken und argumentieren würde.
Abbildung 1: Schematische Darstellung der Erstellung eines Mindset Twins (Quelle: eigene Darstellung – Lea-Marie Föll/Fraunhofer IAO).
Dabei können Mindset Twins unterschiedliche Rollen einnehmen: als Expert:innen-Twin, der Wissen zugänglich macht, in der Marktforschung oder als persönlicher Twin beim Reflektieren. In diesem Beitrag schauen wir uns die letzte Variante an: den eigenen KI-Zwilling. Denn sobald eine KI nicht mehr nur Wissen bereitstellt, sondern beginnt, für uns zu denken, zu kommunizieren oder zu handeln, entstehen neue Fragen nach Vertrauen, Kontrolle und Identität.
3. Was denken Menschen über die Idee von Mindset Twins?
Mit unserer Anfang 2026 durchgeführten Online-Umfrage mit 112 Teilnehmenden wollten wir herausfinden, wie Menschen über die Idee von Mindset Twins denken und daraus Aussagen zu Akzeptanz, Einsatzgebieten und Gestaltung ableiten.
Ein digitaler Zwilling von mir? Lieber erstmal von anderen?
Die Idee eines Mindset Twins stößt bei vielen Menschen auf Neugier, aber auch auf Skepsis. Die potenzielle Akzeptanz sowohl eines Mindset Twins einer anderen Person als auch eines eigenen digitalen Zwillings wurden von den Befragten überwiegend mit »teils/teils« bewertet. Eindeutig positive Einschätzungen blieben jeweils in der Minderheit. Offenbar erkennen Menschen zwar Potenziale, haben aber zugleich Vorbehalte bei Datenschutz, Kontrolle und Identität.
Nicht Ersatz, sondern Sparringspartner: Wofür Menschen ihren Twin nutzen würden
Die größte Zustimmung erhalten Anwendungsfälle im Bereich der persönlichen Weiterentwicklung. Eine knappe Mehrheit der Befragten (rund 57 Prozent) würde ihren Twin dauerhaft nutzen, um Feedback zu Projekten oder Ideen zu erhalten, die berufliche Entwicklung zu unterstützen oder neue Fähigkeiten zu erlernen. Etwa ein Drittel der Befragten sieht auch Potenziale für kreatives Arbeiten sowie für die Organisation digitaler Informationen. Deutlich seltener wird der Twin als Ersatz sozialer Beziehungen gesehen.
Abbildung 2: Zustimmung zu potenziellen Anwendungsfällen eines persönlichen Mindset Twins (Quelle: eigene Darstellung – Lea-Marie Föll/Fraunhofer IAO | Icons: FontAwesome).
Der persönliche Mindset Twin soll offenbar nicht möglichst viele Aufgaben übernehmen. Er wird vielmehr als intelligenter Sparringspartner verstanden: jemand, der beim Denken unterstützt, statt den Menschen zu ersetzen.
Akzeptanz endet dort, wo das »soziale Ich« beginnt
Noch deutlicher zeigt sich dieses Muster bei der Frage, in welchen Situationen sich Menschen durch ihren KI-Zwilling vertreten lassen würden. Am ehesten würden die Befragten standardisierte und eher anonyme Aufgaben abgeben: 52 Prozent könnten sich vorstellen, den Twin einfache Verwaltungsaufgaben wie das Ausfüllen von Formularen oder das Beantworten von Routine-E-Mails übernehmen zu lassen. Auch Terminorganisation (44 Prozent), Informationsrecherche (41 Prozent) oder Reiseplanung (34 Prozent) stoßen auf Zustimmung.
Sobald der Twin jedoch sichtbar für andere Menschen handelt, sinkt die Akzeptanz deutlich: Nur jede vierte Person könnte sich vorstellen, ihn an standardisierten Umfragen teilnehmen zu lassen. In Online-Meetings, bei Vorträgen oder der Betreuung von Social-Media-Profilen sind es dagegen nur noch 15 bis 29 Prozent.
Abbildung 3: Zustimmung zu Situationen, in denen sich Befragte durch einen persönlichen Mindset Twin vertreten lassen würden (Quelle: eigene Darstellung – Lea-Marie Föll/Fraunhofer IAO | Icons: FontAwesome).
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Je standardisierter und anonymer eine Aufgabe ist, desto höher die Bereitschaft, sie zu delegieren. Dort, wo Kommunikation Identität transportiert, möchten die meisten selbst präsent bleiben – Akzeptanz endet dort, wo das »soziale Ich« beginnt.
Wie echt darf ein KI-Zwilling sein?
Rund 60 Prozent der Befragten wünschen sich einen visuellen Avatar. Gleichzeitig empfinden ebenso viele es als unheimlich, wenn dieser dem tatsächlichen Erscheinungsbild zu stark ähnelt. Wir bewegen uns damit im sogenannten »Uncanny Valley« (vgl. Mori 1970): Nähe schafft zunächst Vertrauen, eine zu realistische Nachbildung kann jedoch ins Unheimliche kippen.
Authentizität bedeutet also nicht, einen Menschen möglichst perfekt zu kopieren. Entscheidend ist vielmehr eine glaubwürdige und angenehme Interaktion.
Wem vertrauen wir unser digitales ich an?
Über die Nutzung und Gestaltung von Mindset Twins hinaus spielt eine weitere Frage eine zentrale Rolle: Wem würden Menschen ihre persönlichen Daten anvertrauen? Hier zeigt sich ein eindeutiges Bild: 97 Prozent der Befragten wären damit einverstanden, dass ein unternehmensunabhängiges wissenschaftliches Institut ihre Daten speichert. Einem Unternehmen würden dies dagegen nur 13 Prozent anvertrauen, einem externen Dienstleister sogar nur 11 Prozent.
Das zeigt: Die größte Hürde für Mindset Twins ist nicht ausschließlich in der Technologie selbst, sondern in der Frage, wer sie entwickelt, betreibt und kontrolliert.
4. Mindset Twins gestalten – aber menschzentriert
Unsere Ergebnisse zeigen: Die Akzeptanz von Mindset Twins hängt weniger von der Technologie als von ihrer Gestaltung ab. Aus unseren Forschungsprojekten und der Befragung lassen sich drei zentrale Prinzipien ableiten:
Kontrolle ermöglichen: Nutzerinnen und Nutzer sollten jederzeit selbst entscheiden können, welche Aufgaben ihr Twin übernehmen darf – und wo sie die Kontrolle behalten möchten.
Authentizität gestalten: Ein Mindset Twin muss nicht perfekt menschlich wirken. Entscheidend ist, dass sein Verhalten glaubwürdig ist und Erwartungen erfüllt, ohne ins Unheimliche abzurutschen.
Vertrauen schaffen: Menschen müssen wissen, wer ihre Daten verarbeitet und wie daraus ein Mindset Twin entsteht. Transparenz über Funktionsweise und Grenzen ist die Grundlage für Vertrauen.
Ein Faktor zieht sich dabei durch alle drei Prinzipien: Partizipation. Menschen sollten ihren Mindset Twin aktiv mitgestalten können – von der Datenauswahl bis zur Festlegung seiner Einsatzbereiche. Denn nur wenn Betroffene frühzeitig einbezogen werden, entstehen KI-Zwillinge, die nicht nur technisch funktionieren, sondern auch akzeptiert werden.
Diese menschzentrierte Gestaltung entscheidet auch darüber, ob Mindset Twins wirtschaftlich tragfähig sind. Ihr Marktpotenzial zeigt sich dort, wo Nutzen und Akzeptanz zusammenkommen: etwa bei skalierbar zugänglichem Expert:innen-Wissen oder digitalen Sparringspartnern für Führungskräfte, die in der Marktforschung Kundenperspektiven frühzeitig simulieren. Wie gut sich Technologie, Akzeptanz und Geschäftsmodell zusammendenken lassen, untersuchen wir am Fraunhofer IAO. Die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen richten die Gestaltung von Mindset Twins konsequent an den Bedürfnissen der Menschen aus. Wie könnte ein Mindset Twin in Ihrem Unternehmen einen sinnvollen Beitrag leisten? Wir kommen gerne mit Ihnen darüber ins Gespräch.
5. Ausblick: Die eigentliche Herausforderung ist nicht die Technik
Bevor Menschen einem digitalen Zwilling vertrauen, müssen sie verstehen, was er kann – und was nicht. Ein Mindset Twin ist keine perfekte Kopie eines Menschen. Er ist eine KI, die auf vorhandenen Daten basiert, Fehler machen kann und immer nur eine Momentaufnahme ihres Vorbilds ist. Genau hier sehe ich die Aufgabe der Wissenschaftskommunikation: Transparenz schaffen, Erwartungen einordnen und Grenzen offen benennen.
Damit sind wir wieder bei der Frage vom Anfang: »Dürfte mein KI-Zwilling meine E-Mails beantworten, während ich im Meeting sitze?« Unsere Befragten würden antworten: die Routine-Mails »ja«, »das Kundengespräch, das persönliche Feedback oder die schwierige Entscheidung lieber nicht«. Denn Akzeptanz endet genau dort, wo das »soziale Ich« beginnt.
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